Graupelschauer

Er stolperte über die Baumwurzel, ohne den Fehltritt überhaupt zu bemerken. Schon lange hatte er aufgehört, die kleineren Ungeschicke seines Lebens zu registrieren. Solange der Schmerz sich im unwichtigen Bereich bewegte, hatte die Zeit seine Scham über das eigene Verhalten abgeschliffen. Eventuell hatte er sich auch, nur an die ihn konstant umfliessende Verlegenheit, gewöhnt. Schon immer war sein Erscheinen mit Begriffen wie tollpatschig, linkisch oder schusselig verknüpft gewesen. Die Aufschreie, die Kommentare, die ewigen Witze und die abfälligen Blicke waren vertraute Fußnoten seines Lebens geworden. Und er hatte sich daran gewöhnt, von seinen Mitmenschen als die traurige Figur eines Hofnarren angesehen zu werden. 

In letzter Zeit war es besonders schwierig. Es waren nicht die blauen Flecke. Nicht die zerissenen Kleidungsstücke oder der gesplitterte Handybildschirm. Nicht das geklebte Brillengestell. Er war müde geworden er selbst zu sein. Kein Mensch wollte so sein. Außerdem waren die dauernden Missgeschicke teuer. Doch es war auch nicht das Geld. Die müde Traurigkeit in die ihn schon immer begleitet hate, hatte sich gewandelt. Sie war schärfer geworden. Und ihr Angriff traf unvermittelter. Wie Schüsse. Die jederzeit möglichen Daseinsdetonationen hatten über die lange Zeit eine Wunde geschlagen. Eine Wunde die Hoffnung und Lebensfreude blutete. Langsam und stetig.

Er lehnte sich gegen den Baumstamm. Doch das grüne Blätterdach half nicht gegen Graupelschauer auf der Seele.‬ Erschöpft setzte er sich ins Gras. Den Baumstamm im Rücken, schloss er die Augen. Langsam dämmerte sein Gefühl ins Nirgendwo. Etwas Feuchtes ließ ihn seine Hand zurückzucken und die Augen aufreißen. Der erste Fluchtimpuls spannte seinen Körper an. In der zweiten Sekunde realisierte er die braunen Kulleraugen eines Hundes. Ein junges Tier. Dieser hatte sich verblüfft hingesetzt. Der Mann entspannte sich. Der Hund versuchte im Sitzen zu wedeln was dazu führte, dass er mal zur einen und mal zur anderen Seite umzufallen drohte. Nein nicht drohte. Er fiel um. Begeistert schrabberte er daraufhin mit seinem Rücken über das Gras. Er verzog die Leftzen, was den Eindruck erweckte als würde er grinsen. Endgültig begeistert war er als der Mann begann, ihm über den Bauch zu streicheln. Ein Sprung auf alle Viere, um seinen neuen Freund zu küssen. Doch er rutschte mit der Vorderpfote vom Oberschenkel des Mannes und knallte mit dem Kinn auf die Gürtelschnalle. Ein kurzes Schütteln und er rannte begeistert los. Allerdings in die falsche Richtung. Nämlich gegen den Baum. Ein Pfiff. Der Rüde drehte sich um und sprang in Richtung des Befehls. 

Der Mann blickte in die Richtung, die der Kleine eingeschlagen hatte. Sein Frauchen stand wenige Meter entfernt. Auf diese Entfernung klappte das Bremsen ganz und gar nicht. Der Hüpfer knallte im Versuch der Richtungsänderung seitlich gegen die Schienbeine seines Menschen. Mehr Begeisterung waren die Folge. Der Mann schaute der Frau ins Gesicht. Strahlende Liebe lag in deren Blick. Kein Funken Genervtsein über den kleinen Springinsfeld. Kein Zurechtweisen des Tollpatsches. 

Dann blickte sie ihn an. Mit dem selben Blick. Mit dem selben uneingeschränkten Ja in den Augen.

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