Entschuldigung Frau Merkel

Sehr geehrte Frau Merkel,

ich denke es ist nicht so wichtig dass ich mich bei Ihnen vorstelle. Nein, nicht weil ich mich ins Heer polemisierender No-Name-Kommentatoren einreihen will. Vielmehr bin ich mir relativ sicher, dass Sie nicht interessiert sind, wer ich bin. Und damit sind wir auch schon beim Problem. Mein Thema ist nicht ihre Politik. Nicht Ihre Verdienste oder Ihr Versagen in politischen Fragen, denn darüber lässt sich streiten. Und das ist großartig, dass wir steiten können. Doch Streiten lässt es sich nicht mit Ihnen. Noch nicht mal in meiner Fantasie. Da Sie schlichtweg seit langer Zeit nicht mehr eine eindeutige und deutliche Meinung kommuniziert haben, über die man Streiten könnte.

Welche ehrlichen und persönlichen Gedanken haben Sie zur Griechenlandkrise. Mir als Bürger schieben Sie ein paar Plattitüden in den Mund damit ich zufrieden darauf rumnuckeln kann. Irgendwas von Sparen müssen, Verantwortung des Griechischen Volks für sich selbst und irgendwas von Europa. Doch ich habe keine Ahnung worin Ihrer Meinung nach die echten Ecken und Kanten und auch Hoffnungen liegen. Eventuell kann ich mir noch aus von Ihnen über die vergangenen Monate verteilt getätiigten Aussagen so etwas wie ein Meinungsbild von Ihnen zusammen stoppeln. Doch gewünscht hätte ich mir wenigstens eine Rede an mich und all die anderen Bürger, in der Sie mich über Ihre Sicht der Dinge aufklären. Es hätte ja durchaus eine vorsichtige, sensible, keinen politischen Kollateralschaden anrichtende Rede sein können. Aber eine echte Ansprache hätte mir das Gefühl gegeben, dass Sie sich und mich als Teil einer denkenden Gesellschaft einordnen und sich nicht als Vorsitzende einer Menge Mensch präsentieren, die sie zwingt die eigene Meinung nicht zu deutlich zu äußern.

Gut sehen kann man diese, ich drücke es einmal vorsichtig aus, Zurückhaltung an der Thematik der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare! In vielen Ländern geht eine atemberaubende Veränderung vor sich. Auch in unserem Land. Sie allerdings erkären, dass Sie Homophobie verurteilen aber die Ehe besonders wertschätzen, um sie deshalb exklusiv als Verbindung zwischen Mann und Frau zu schützen. Und wenn von anderer Seite angemerkt wird, dass genau dadurch die Akzeptanz und die Gleichstellung dieses Teils der Bevölkerung nie gelingen wird, landet man wieder im Niemandsland ihrer Rethorik. Wenn Sie die gleichgeschlechtliche Ehe als nicht gleichwertig erachten, dann seien Sie doch bitte so gut und kommunizieren das auch genau so ehrlich nach außen.

Leichte Schnappatmung habe ich bei Ihrem Interview mit LeFloid bekommen. Merkwürdigerweise haben viele der angesehen Journalisten sich über den jungen Mann mokiert. Doch wenige haben die kalkulierte Überheblichkeit kritisiert mit der Sie und Ihre Berater das gesamte Interview in die von Ihnen gewollte Richtung zu lenken versucht haben. Natülich war LeFloid nervös und er war höflich. Und das war Ihnen allen klar. Damit meinten Sie das Gespräche zu dem machen zu können, wofür es in ihrer Vorstellung gedacht war. Zur Erhöhung ihrer Medienpräsenz bei jungen Menschen. Immer wieder hat LeFloid Ihnen Fragen gestellt, die einen Zugang zu Ihnen als Person ermöglicht hätten. Und Sie haben sich um künstlich missverständliche Verbalkurve gewunden. Es ging nicht um die Unatastbarkeit Ihres Privatlebens, auf dass Sie jedes Recht haben. LeFloid hat sich um Verständnis für Ihre Person und Ihre Ansichten, die uns alle in vielen Punkten direkt betreffen, bemüht. Und auf diese hätten er und die Zielgruppe die er vertreten hat ein Recht gehabt und nicht auf die wohlzirkulierten Standardphrasen eines Polit- und Medienprofis.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass gerade Ihre Position und Ihr Verhalten mir als Bürger gegenüber, besonders deutlich in der Frage von TTIP und CETA wird. Sie wollen beide Abkommen und es ist gelungen diese, unsere gesamten Werte verändernden Verhandlungen, in vielen wichtigen Teilaspekten hinter verschlossenen Türen stattfinden zu lassen. Nicht nur der störende Bürger wird uninformiert ausgesperrt, sondern auch deren direkte Vertreter haben keinen uneingeschränkten Zugang zu den Protokollen und Papieren. In mir entsteht das Gefühl, dass hier eine Form der Entscheidungsfindung geschaffen wurde, die Ihren Wünschen entspricht. Sie handeln und brauchen nicht nicht einmal den Bruchteil einer Rechenschaft über Ihr Handeln abzugeben. Läuft das eigentlich noch unter dem Oberbegriff Demokratie?

Und nun Flüchtlinge und Asylanten. Was denken Sie? Wo sind Sie? Welche Meinung haben Sie? Wir versuchen in einer humanitären Kathastrophe zwischen Leid und Selbstschutz klar zu kommen und brauchen dringender denn je einen Dialog und eine Einigung auf Basis unsere Grundwerte. Ein ganzes Land macht sich riesige Sorgen. Der unterschiedliche und teil extreme Umgang mit diesen Sorgen führt aktuell zu schweren Rissen in unserem Zusammenleben und Sie tätscheln unbeholfen weinende Flüchtlingsmädchen und murmeln etwas vom ‚Wir können nicht Alle aufnehmen‘. Das wars? Das ist tatsächlich Alles was Sie an eigener und persönlicher Mobilmachung zu bieten haben. Ich weiß gar nicht wohin mit meiner Trauer und meiner Empörung, dass Sie uns nicht mehr als solch verkniffene Sprachlosigkeit zu bieten haben.

Ich wünsche mir einen Menschen an der Spitze, der durch den real stattfindenden Dialog mit den Wählern zur eigenen Meinung gefunden hat. Ich wünsche mir, dass mir mitgeteilt wird welche Ansichten, Positionen und Werte eine Bundeskanzlerin vertritt und ich wünsche mir eine Führungskraft an der Spitze unserer Gesellschaft, die den Mut hat mir zu erklären, welches Ergebnis oder Zwischenergebnis sie im ehrlichen Ringen nach Verbesserung und Wahrheit gefunden hat. Ich möchte schlichtweg ein Dialogpartner sein und keine zu regierende Menge Mensch.

Ich grüße Sie und bitte um Entschuldigung wenn ich gestört habe.

Stefan Kunzke

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